reflections

 Die Story hab ich mal von einen Blog kopiert... Ich wollt ja fragen ob ich sie hier veröfentlichen darf aber ich fin den Blog nicht mehr *schämmm*....

 Trotzdem find ich die Story richtig gut alsoooo lessen...

 

Engel aus eigener Herstellung – Daniela Weiß

Der Bahnhof war fast vollständig eingeschneit, und da es früh war, hatte der Straßendienst die Wege noch nicht freigeräumt. Auf den Bahnsteigen standen nur ein paar dick verpackte Menschen herum, die sich zu wärmen versuchten, indem sie sich in die Hände hauchten und von einem Bein auf das andere traten. Dabei bildete der Atem dicke Wolken vor ihren Gesichtern, die so schnell, wie sie entstanden, auch wieder verschwanden.

Ich stellte mir vor, wie es wohl aussehen würde, wenn der Bahnhof voll wäre und alle gleichzeitig in die Hände atmen würden. Vielleicht könnte man dann wegen de auftretenden Nebens den Bahnhof kurzzeitig nicht mehr erkennen und der Schaffner hätte Probleme, die einfahrenden Züge auf die richtigen Gleise zu lenken. Das ganze Bahnsystem würde zusammenbrechen und man müsste vermutlich neue Verkehrsschilder entwickeln, die das gleichzeitige Ausatmen ab einer bestimmten Minustemperatur untersagen würden. Von diesem Tag an würde nur eine abgezählte Anzahl von Reisenden auf die Bahnsteige dürfen. Verrückt. Ich beschloss erst einmal im Bus sitzen zu bleiben und zu warten, bis die Durchsage des nächsten Zuges aus den Lautsprechern zu hören war. Ich kuschelte mich in meinen Wollschal, den mir meine Mutter vor einem Jahr gestrickt hatte, als die Welt noch in Ordnung war und ich mich nicht frühmorgens heimlich in einen Bus setzten musste um mich vor einen Zug zu schmeißen.


Der Busfahrer musste mich die ganze Zeit über im Rückspiegel beobachtet haben.

„Was ist mit dir?“, fragte er. „Willst du nicht aussteigen? Hast du Angst vor der Kälte? Hier ist die Endhaltestelle und der Bus ins Tal der Träume kommt immer nur am Sonntag.“
Er brach in schallendes Gelächter aus. Was für ein Komiker, dachte ich und verzog nichtmal die Mundwinkel. Ich nahm meinen Rucksack, schwang ihn mir über den Rücken und warf meine Zöpfe rechts und links über die Schultern. Der Busfahrer öffnete mir die Tür. Ich habe nicht hingehört, sonder nur noch den Bahnsteig gesehen, der auf mich wartete.


Er lag jetzt wie ausgestorben. Gut so. Ein Haufen Menschen war so ziemlich das Letzte, was ich gebrauchen konnte. Mit einem Sprung auf die Rolltreppe verschwand ich im Untergrund, lief durch den Tunnel und tauchte drei Gleise weiter wieder an der Oberfläche auf. Doch was war das? War ich hier falsch? Nein, die Nummer stimmte. Gleis 9. Aber dieser Bahnsteig war proppenvoll. WO kamen all die Leute plötzlich her?
Ein dicker Mann mit unglücklichem Gesicht und zu engem Mantel stand neben dem Fahrscheinautomaten und sah aus, als würde er jeden Moment losweinen, wenn ihm nicht sofort jemand eine heiße Schokolade mit extra viel Sahne brachte. Ein paar Meter entfernt saß eine falsche Blondine, die in einem hauchdünnen Kordjäckchen ganz atemlos in ihr Handy kicherte, während sich hektisch rote Flecken auf ihrem Gesicht bildeten. So sah man wohl aus, wenn man gerade Hals über Kopf verliebt war. Jedenfalls stellte ich mir das so vor. Ich war dreizehn und dachte nicht daran, mich auch nur ein einziges Mal zu verlieben.

Eine weitere Reisende tauchte aus der Unterführung auf. Es war eine junge Mutter mit einem kleinen Mädchen von vielleicht fünf Jahren. Sie waren beide mächtig außer Atem. Die Mutter wirkte gehetzt und nicht besonders glücklich. In der einen Hand hielt sie eine schwere Tasche, an der anderen ihre kleine Tochter.


Neben mir räusperte sich ein alter Mann mit weißem Bart. Er warf einen ernsten Blick auf seine Taschenuhr und verglich die Zeit darauf mit der Zeit der großen Bahnhofsuhr. Es war 7 Uhr 50. Laut Fahrplan sollte der Zug in vier Minuten eintreffen. Wieder räusperte sich der alte Mann und sah auf die Bahnhofsuhr. Beinahe hätte ich losgelacht. Der Sekundenzeiger stand still.

Ein Mann mit Seitenscheitel und Aktentasche unter dem Arm nieste zweimal, und eine Nonne, die sich einen dicken Mantel über ihre Tracht gezogen hatte, blies sich in die gefalteten Hände, sodass für Sekunden ihr Gesicht hinter einer Atemwolke verschwand.

Ein lautes Knacken ließ alle zusammen zucken. Ich war bereit für eine krächzende Durchsage, die so oder so keiner verstehen würde. Aber was dann aus den Boxen zu hören war, kam einem Flüstern gleich. Alle wurden still und legten eine Hand ans Ohr. Ich verstand tatsächlich kein Wort. Aber der alte Herr mit dem weißen Bart nickte zufrieden und schaute wieder zur Uhr.

Der Minutenzeiger hatte sich bewegt, der Sekundenzeiger war noch immer an Ort und Stelle eingefroren.
Ich war nervös. Ich wusste nicht, von welcher Seite der Zug kommen würde, und drehte meinen Kopf in Zeitlupe von links nach rechts und von rechts nach links. Schließlich sah ich den Zug. Er kam von links. Er war riesig.
Ich trat ein wenig näher an das Gleis heran und schloss die Augen.


„Na, endlich“, hörte ich eine Stimme hinter mir sagen.

Auch wenn ich nicht wollte, ich konnte nicht anders und drehte mich um. Eine kleine Frau, komplett in Lila eingekleidet, stand hinter mir. Sie war alt und hatte ein helles Leuchten in den Augen, die von einer Brille mit lupendicken Gläsern umrandet waren. Ich war wie hypnotisiert. In der linken Hand hielt die Frau einen schwarzen Koffer, in der rechen einen Gehstock. Ich weiß nicht, wie lange ich sie angestarrt habe, aber es muss lange gewesen sein, denn der Zug war bereits eingefahren. Die Fahrgäste stiegen ein, bis nur noch die Frau in Lila und ich auf dem Bahnsteig standen.

„Na, Kicsi, du willst wohl nicht mitkommen auf die große Reise?“
„Ich heiße nicht Kitschi“, sagte ich, „ich heiße Kristina.“
„Dann darf ich dich doch sicher Stina nennen?“
„Und was heißt Kitschi?“
„Es heißt mein Herz auf Ungarisch“, sagte die Frau und nahm meine Hand an ihre. „Mein Name ist übrigens Malaika. Und wenn wir uns nicht beeilen, dann fährt der Zug ohne uns ab.“
Ich ließ ihre Hand los und trat erschrocken einen Schritt zurück. Ich dachte nicht daran mitzufahren. Und wie ich zurücktrat, wäre ich um ein Haar auf die Schienen gefallen. Ich wankte und wurde mit festem Griff von der Frau gerettet.
„Immer schön langsam“, sagte sie. „Dann kommst du auch ans Ziel.“
Ein Pfiff erklang, der Zug war abfahrbereit. Ehe ich davonrennen konnte, hakte sich die Frau bei mir unter und zog mich in den Zug hinein.

„Das wäre geschafft,“ sagte sie. „Es ist zwar nie leicht, aber es klappt erstaunlicherweise immer wieder.“
Ich nickte stumm und hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Wir zwängten uns durch die engen Gänge, bis wir schließlich ein leeres Abteil fanden.
„Na los, Kicsi, oder willst du Wurzeln im Gang schlafen?“
„Eigentlich nicht...“
Ich sah mich um. Insgeheim hoffte ich, dass sich vielleicht doch noch jemand zu uns setzen würde, denn irgendwie fühlte ich mich in der Anwesenheit dieser seltsamen Frau unwohl. Als niemand kam, gab ich mir einen Ruck und folgte ihr. Ich nahm den Sitz gleich neben der Tür und zog meine Jacke nicht aus. Sicher war sicher. Im nächsten Augenblick fiel mir ein, dass ich ja gar keine Fahrkarte hatte.

Was tat ich hier nur? Mir wurde plötzlich schlecht.

„Was ist los? Du bist ja weiß wie die Wand!“

„Ich? Nichts, nichts ist los.“
„Na, dafür, dass nichts ist, hat es dir aber ganz schön die Sprache verschlagen. Wie ich dich kenne, hast du bestimmt nichts gefühstückt, dabei liegt eine lange Fahrt vor uns. Wie wäre es mit einer Banane? Ich weiß, du sollst nichts von Fremden nehmen. Aber so fremd sind wir uns doch gar nicht mehr, oder? Ich weiß, wie du heißt, du weißt wie ich heiße. Ist doch schon die halbe Miete!“
Malaika öffnete mit einem schnappenden Geräusch ihren schwarzen Koffer. Neben einem riesigen Haufen Bananen lagen dort Engelsfiguren in allen Größen. Bevor ich einen genauen Blick auf diese Engel werfen konnte, hatte Malaika schon zwei Bananen herausgefischt und den Deckel wieder zugeschlagen.

„Nicht so neugierig, die Fahrt ist noch lang, die Geschichten sind endlos, und jetzt wird erst mal gegessen.“
Sie grinste über das ganze Gesicht, knackte die Banane mit einer geübten Handbewegung und schob ich fast die Hälfte davon in den Mund. Ich sah ihr beim Essen zu, ich sah ihr beim Runterschlucken zu. Ich war vollkommen hilflos.

„Erzähl doch mal, wo du herkommst und wo du hinwillst? Nicht, dass ich das nicht wüsste, aber ich würde es gerne von dir hören.“
Ich schaute auf meine Hand, in der die zweite Banane lag. Wann hatte sie sie mir gegeben? Mein Magen grummelte. Seit dem Kakao am Morgen hatte ich tatsächlich weder getrunken noch gegessen. Wieso sollte ich auch?
„Ich... ich fahre zu meiner Tante“, log ich.

„Das ist doch großartig“, sagte Malaika. „Was wäre die Welt ohne Tanten, oder, Kicsi?“
Da hatte die wohl Recht, und weil ich nicht wusste, was ich dazu noch sagen sollte, nickte ich nur. Dann fiel mir doch etwas ein.

„Würdest du mich bitte nicht Kitschi nennen? Sag einfach Stina, ja?!“

„Gut, Stina“, sagte Malaika und stopfte ihre Bananenschale in den Müllbehälter. „Du fährst also zu deiner Tante. Schön, schön. Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Was ist der Grund für deinen Besuch? Soweit ich weiß, sind keine Ferien, und das kleine Dorf nahe der Grenze ist ja nicht unbedingt der klassische Tagesausflug für eine Dreizehnjährige?!“
„Woher weißt du, wie alt ich bin?“, fragte ich.

„Deine Hände“, antwortet Malaika. „Man kann das Alter an den Händen ablesen. Also, wieso fährst du zu deiner Tante?“

„Probleme“, sagte ich leise.

„Ah. Probleme. Da wäre ich ja im Leben nicht drauf gekommen.“

„Ich will nicht darüber sprechen.“
„Aber du willst wissen, was es mit den Engeln in meinem Koffer auf sich hat, oder?“

Ich schwieg, denn das war auch eine Antwort.

„Gut. Dann machen wir beide jetzt ein Geschäft. Deine Geschichte für meine Geschichte. Und ich kann nur sagen, dieses Geschäft ist Gold wert, denn...“
Sie klopfte auf den Koffer.
„...so eine Geschichte hast du noch nie gehört.“

„Okay“, sagte ich. „Meine Tante ist krank.“
„Gelogen“, sagte Malaika.

„Meine Tante renoviert und...“
„Gelogen“, sagte Malaika.

Mensch, machte sie mich wütend.

„Wenn du sowieso schon alles weißt“, sagte ich gereizt, „wieso muss ich es dir dann noch mal erzählen?“
Malaika beugte sich vor.
„Weißt du Stina“, sagte sie. „Das ist nun mal so. Ehe man sich's versieht, macht die Welt eine halbe Umdrehung, und plötzlich befindet man sich zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Um Dinge zu verstehen, musst du sie benennen.“
„Verstehe ich nicht“, sagte ich und hörte dann, was ich gesagt hatte, und musste plötzlich loslachen.

„Ich verstehe wirklich nichts“, sagte ich und hörte auf zu lachen.

„Ach, Stina“, sagte Malaika und lehnte sich wieder zurück. „Nicht alles, was du nicht verstehst, will verstanden werden, also entspann dich und genieß die Reise.“

Oh Mann, wo hatte diese seltsame Frau nur diese seltsamen Weisheiten her? Ich wollte ihr gerade sagen, dass ich nicht viel von unserem Geschäft hielt, als es an unser Abteil klopfte. Das war bestimmt der Schaffner.

Im nächsten Moment ging die Tür auf. Ich hielt die Luft an und schloss die Augen. Vielleicht hatte ich Glück und der Schaffner dachte, ich schliefe, und kontrollierte mich deswegen nicht.

„Entschuldigen Sie die Störung, Malaika, aber können sie mir sagen, wann wir ungefähr ankommen werden?“
„Na, das wird wohl noch eine Weile dauern, mein Lieber.“
Ich öffnete die Augen. Der alte Mann mit dem weißen Bart stand vor mir.
„Oh. Du bist wohl die Neue?“, sagte er.

„Wir würden gerne alleine sein“, sagte Malaika, bevor ich antworten konnte. Der alte Mann entschuldigte sich und schloss die Tür wieder.

Ich sah Malaika an. Wieso fragte er ausgerechnet sie nach der Ankunftszeit? Wieso nicht den Schaffner? Und woher wusste er, dass sie Malaika hieß?
„Wieso denkt er, dass ich die Neue bin?“, fragte ich sie.
„Leute sind absonderlich“, war ihre Antwort. „Und jetzt erzähl.“
„Okay, aber nur die Kurzform.“
„Wer hat gesagt, dass ich einen Roman erwarte?“

Ich holte tief Luft und sagte an einem Stück: „Mein Bruder ist tot. Meine Mutter starrt den ganzen Tag vor sich hin und raucht. Sie trinkt pausenlos Kaffee und geht nicht mehr zur Arbeit. Und mein Vater hat sich verpisst. Wieso also die vielen Engel in deinem Koffer?“

„Wow, das nenn ich Kurzform!“
„Wozu sich mit Einzelheiten aufhalten, wenn man sowieso nichts mehr dran ändern kann?“
„Aha, und wenn ich im Lexikon unter Lebensweisheiten Nachschlage finde ich bestimmt dein Bild darunter? War nur ein Scherz. Nun gut, du hast gesagt Kurzform. Das war Kurzform, und jetzt kommen wir zu meinem Teil der Abmachung.“


Malaika setzte sich neben mich. Sie ließ den Kofferdeckel wieder aufspringen und zum Vorschein kamen die Engel zwischen den Bananen.

Was mir beim ersten kurzen Blick nicht aufgefallen war, sah ich nun in aller Deutlichkeit. Die Figuren sahen zwar aus wie richtige Engel mit weißem Gewand, aber die Köpfe waren keine Engelsköpfe.

„Darf ich?“

„Natürlich, kann ja nichts passieren, sind ja schließlich Engel.“
Es waren ganz normale Köpfe. Mit Frisuren, einige mit Brille auf der Nase, einige unrasiert und einige mit einem erstaunten Blick.

„Wieso hast du so viele davon? Und wieso im Koffer?“
„Ich bringe sie nach Hause, Stina.“

Wir sahen uns an.

„Wo ist das?“, fragte ich.

„Da, wo dein Herz bis zum Hals schlägt. Da, wo sich eine Hand sanft in deinem Bauch schließt um das Gute darin zu beschützen. Da, wo...“
„Wieso sagst du immer so seltsame Sachen?“, unterbrach ich sie.
„Stina, das Leben ist nun einmal seltsam, da muss man sich anpassen und auch ein wenig seltsam werden, sonst funktioniert das nicht.“

Wieder klopfte es und die Abteiltür ging auf. Diesmal war es der Schaffner. Ich hatte zu langsam reagiert und sah ihn mit halb offenem Mund an.

„Guten Tag, Malaika“, sagte er. „Es ist mir eine Ehre, Sie wieder einmal in unserem Zug begrüßen zu dürfen. Es ist ja schon eine ganze Weile her, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben.“

Ich durchwühlte meine Jackentaschen und tat so, als würde ich angestrengt nach meiner Fahrkarte suchen.

„Entspann dich“, sagte der Schaffner. „Für diesen Zug brauchst du keine Fahrkarte. Malaika hat das schon geregelt.“

Ich sah den Schaffner an. Ich sah Malaika an. Sie grinsten und schwiegen.

„Okay“, sagte ich vorsichtig.

„Na, dann wünsche ich dir noch eine angenehme Fahrt!“

Der Schaffner verschwand.

„Sieh dir die Engel an“, sagte Malaika.

Ich sah auf die Engel. Es war verblüffend, wie echt der Ausdruck auf ihren Gesichtern war. Je genauer ich sie mir ansah, umso mehr hatte ich das Gefühl, einige der Gesichter zu kennen.

Und plötzlich verstand ich. Der Gedanke erschreckte mich so sehr, dass ich aufsprang. Der Koffer fiel von der Bank und der Inhalt verstreute sich über den Boden.

Da lagen sie also, die Engel, oder besser gesagt: alle Fahrgäste, die mir mir zusammen auf Gleis 9 gestanden und auf den Zug gewartet hatten. Sie lagen da und blickten genauso leer und traurig durch mich hindurch wie sie es bereits am Bahnhof getan hatten. Die Nonne und der dicke Mann, die falsche Blondine und der Mann mit der Aktentasche, der zweimal geniest hatte. Verrückt, sogar als Engel trug er einen Seitenscheitel. Eine Figur war halb unter die Bank gerutscht und lag mit dem Kopf nach unten auf dem Boden.
Ich drehte sie um und erkannte das kleine Mädchen, das von der Mutter wie eine Puppe herumgezerrt worden war.

„Aber...“
Ich wusste nicht, was ich sagen wollte. Und dann wurde ich panisch. Ich wühlte hektisch in den Figuren herum. Hier der alte Mann, dort die Mutter des kleinen Mädchens. Ich wendete alle, die verkehrt herum lagen, erkannte einige, schaute mir alle ganz genau an und konnte mich dennoch nicht finden. Wo war ich? Ich hatte doch auch dort am Gleis gestanden.

„Wo bin ich?“, fragte ich Malaika.

„Was glaubst du, wo du bist?“, fragte sie zurück.

„Aber... was ist passier?“

„Was denkst du denn, was gerade passiert?“
„Jetzt reicht es!“, sagte ich wütend und hielt ihr einen der Engel entgegen. „Hör auf andauernd meine Fragen zu wiederholen. Ich weiß nichts. Ich weiß überhaupt nichts mehr. Wieso liegen diese ganzen Engel hier und sind in Wirklichkeit die Leute aus dem Zug? Und wieso bin ich nicht dabei?“

„Das sind viele Fragen. Und nicht alle sind einfach zu beantworten, Stina.“
Malaika sammelte die Engel wieder ein und verstaute sie im Koffer und legte ihn dann offen auf einen der freien Sitze.

„Menschen haben Begleiter“, erklärte sie mir. „Ich bin einer davon. Menschen haben außerdem eine bestimmte Lebenszeit. Wenn diese Zeit abgelaufen ist, stehe ich ihnen zur Seite und helfe ihnen, die Wirklichkeit klarer zu sehen. Wenn sie dann soweit sind, können sie ihr altes Leben loslassen und diese Reise antreten.“

„Bin ich tot?“, fragte ich.

„Du bist nicht tot, Stina.“
„Aber was ist dann mit mir? Wieso ist keine Figur von mir unter den Engeln in deinem Koffer? Und wohin geht diese Reise?“

„Siehst du, jetzt kommen wir zum zweiten Teil meines Auftrags. Wir beide wissen, dass du nicht am Bahnhof warst, um zu deiner Tante zu fahren, nicht wahr? Du wolltest zu deinem Bruder und es wäre dir auch fast gelungen, aber eben nur fast. Deine Zeit ist noch lange nicht gekommen, und eigentlich weißt du das auch, aber irgendwie ist dir das Vertrauen abhanden gekommen, und ich bin da, um es dir wieder zurückzugeben.“

Ich spürte, dass ich meine Hände zu Fäusten geballt hatte. Die Nägel schnitten mir in die Handballen. Ich war so wütend, dass ich kaum sprechen konnte.

„Was ist das für ein esoterischer Scheiß?“, stieß ich schließlich hervor. „Und wieso hast du nicht meinen Bruder gerettet?“

„Tja, das ist das Knifflige an der Angelegenheit. Ich rette niemanden. Es gibt keine Vernünftige Erklärung, warum dieser oder jener gehen muss. Jeder Mensch trägt eine Uhr in sich, die in ihrem eigenen Rhythmus tickt. Du siehst keinen Sekunden- oder Minutenzeiger. Und es gibt auch keinen Stundenzeiger, der dir sagt, wann es so weit ist. Eine Zeit lang passt sich dein Rhythmus dem Leben an, aber irgendwann beginnt er sich mehr auf den Tod auszurichten. Niemand weiß, wann das passiert, auch wir Begleiter nicht. Wir sind nur dazu da, den Weg mitzugehen und die Tür zu öffnen. Nicht mehr und nicht weniger.“
„Dann wissen die Menschen hier im Zug also, wo die Reise hingeht?“
Malaika nickte.

„Auch das kleine Mädchen? Sie war doch höchstens fünf!“
„Alter spielt dabei keine Rolle.“

„Ich wünschte, ich wüsste, was eine Rolle spielt.“

„Ich weiß, Stina, aber wo bliebe dann die Spannung, wenn du alles wüsstest? Wo bliebe die Überraschung? Das Leben wäre so aufregend wie eine Schachtel Pralinen, in der es nur eine einzige Sorte gibt. Stell dir vor, die Menschen wüssten, was eine Rolle spielt. Sie würden sich nur noch darauf konzentrieren und alles andere außer Acht lassen. Jeder wäre nur noch mit sich selbst beschäftigt und mit dem, was ihn am Leben erhält. Dass aber genau dadurch dieses Leben an ihnen vorbeigeht und davonläuft, würde niemand bemerken. Eine trostlose Vorstellung, wenn du mich fragst. Und jetzt setz dich bitte wieder hin!“

Ohne dass ich es gemerkt hatte, war ich aufgestanden.

„Ich setz mich hin, wann ich will. Ich will wissen, warum mein Bruder sterben musste. Das ist nicht fair! Er war fünfzehn. Er war...“
„Es ist auch nicht fair, dass dieses kleine Mädchen stirbt“, unterbrach mich Malaika. „Und sie ist erst vier. Es ist auch nicht fair, dass in einem Land die Menschen immer reicher werden und in einem anderen immer ärmer. Was ist schon fair, Stina?“

Ich wusste es nicht.

„Lass uns jetzt mal überlegen, wie du hier rechtzeitig wieder aussteigen kannst, bevor wir versuchen die Welt zu erklären. Du allein hast es in der Hand, Stina. Du kannst entscheiden, ob du im Zug bleiben möchtest oder aussteigst und mit beiden Händen in die Pralinenschachtel greifst, die sich Leben nennt. Entscheide dich, du hast nicht mehr viel Zeit.“
Ich setzte mich wieder. Die Entscheidung war einfach.

„Ich will zu meinem Bruder“, sagte ich.

Malaika sah aus dem Fenster.

„Was meinst du, was dein Bruder davon hält?“, fragte Malaika und sah mich wieder an.

„Er wird sich freuen.“

„Sicher, er wird sich freuen“, stimmte Malaika zu.

Der Zug war langsamer geworden. Ich sah die Bäume und Häuser vorbeiziehen. Es kam mir alles sehr vertraut vor und nach ein paar Sekunden erkannte ich, dass wir tatsächlich bereits in der Nähe des Dorfes waren, in dem meine Tante lebte. Alle Sommer- und Winterferien hatten mein Bruder und ich dort verbracht.

„Woran denkst du?“, fragte Malaika.

„Ich denke an Schnee“, sagte ich. „Wie es ist, Schlitten zu fahren und danach Kakao zu trinken. Kakao mit extra viel Sahne drauf. Ich will so lange Schneemänner bauen, bis meine Lippen ganz blau und meine Hände ganz steif sind, und jeden Tag Apfelkuchen essen und meinen Bruder wecken, bevor er...“
„Dein Bruder ist tot“, sagte Malaika.

„Ich weiß“, sagte ich leise und kämpfte gegen die Tränen an.

Malaika berührte mein Gesicht.

„Mach die Augen auf“, sagte sie.

Die erste Träne rollte hinunter.

„Wenn du jetzt aussteigst, kannst du das alles haben. Leb es für dich und für deinen Bruder. Er wird es spüren. Es wird ihm gefallen. Nichts rennt dir davon. Und wenn du deinen Bruder in fünfzig Jahren siehst, wird es sein wie gestern.“
„Wirklich?“

„Ein Begleiter lügt nicht“, sagte Malaika.

Wir sahen uns an.

„Wollen wir den Zug anhalten?“

„Wir wollen“, antwortete ich und dann hatte ich einen Gedanken.

„Was ist mit den anderen? Wollen die nicht?“

„Sie haben keine Wahl. Ihre Zeit ist abgelaufen. Hier, nimm deinen Rucksack und dann ab mit dir. Lauf bis zum letzten Waggon, lass dich nicht aufhalten, dreh dich nicht um. Wenn wir in den Bahnhof einfahren, ziehst du die Notbremse. Jede Sekunde zählt!“
„Aber...“

„Kein Aber und auch keine lange Abschiedszeremonie, okay?“
„Okay.“
„Leb wohl, Stina.“
„Leb wohl, Malaika.“


Ich rannte. Ich rannte, wie ich noch nie gerannt war. Durch die Fenster sah ich, dass wir schon das Ortsschild passierten. Ich erreichte atemlos das Ende des Zuges und wollte die letzte Tür aufziehen, als mich jemand am Arm festhielt.

„Warte, wo willst du hin?“
Ich drehte mich nicht um. Malaika hatte es verboten. Ich versuchte meinen Arm wegzuziehen. Der Mann hielt mich fest.
„Nimm mich mit“, bat er und nieste.

„Das geht nicht“, sagte ich. „Bitte, lass mich gehen.“

Er zögerte einen Moment, dann verschwand seine Hand, der Bahnhof tauchte auf. Ich griff nach der Notbremse und zog.


Die Räder quietschten ohrenbetäubend, und ich musste mich an beiden Haltegriffen festklammern um nicht zu fallen. Es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor, bis der Zug komplett zum Stillstand kam.

Die Tür öffnete sich, ohne dass ich den Knopf gedrückt hatte. Für einen Augenblick zögerte ich. Was wäre, wenn ich nicht ausstieg? Würde ich wirklich meinen Bruder sehen? Vielleicht war es Hexerei. Vielleicht lachten alle im Zug über mich. Vielleicht war das alles nicht wahr.

Ich stieg aus.

Niemand stand auf dem Bahnsteig. Die Uhr zeigte 7 Uhr 54. Ich sah auf meine Uhr. 7 Uhr 54. Verrückt. Ich drehte mich um, der Zug war längst verschwunden. Ohne auch nur das kleinste Geräusch gemacht zu haben. Weg.


Und da saß ich und überlegte, was ich tun sollte. Meine Tante lag garantiert noch im Bett und schlief. Was für ein Tag.

Der Sekundenzeiger zuckte. Ich presste die Augen zusammen und kniff mich in den Arm. Als ich sie wieder öffnete, tat mir mein Arm höllisch weh, aber ich saß noch immer alleine auf dem Bahnsteig. Ich atmete tief durch und stand auf. Ich würde zu meiner Tante gehen. Doch als ich meine Hände in die Jackentaschen schob, war da etwas. Eine Figur. Ich zog sie heraus. Sie hatte kurze Haare und eine Nase, die etwas nach oben ragte.

Ich wollte nicht weinen, aber wer weint denn bei so was nicht? Das Gesicht meines Bruders sah so echt aus und es war ein wenig, als hätte ich ihn ganz nahe bei mir. Als ich den Engel drehte, erkannte ich, dass auf der Unterseite etwas eingebrannt war. Es sah aus wie ein Stempel. In einem Kreis stand dort in winziger Schrift:

Engel aus eigener Herstellung



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